driven by exception
BMW 328 Roadster: Blaues Wunder unter der Sonne
Baujahr 1937, wunderbar blau, leicht, schnell und einfach in der Handhabung. Der BMW 328 Roadster ist ein ganz besonderer Zeitgenosse. Drei Tage sind wir mit ihm während der Silvretta Classic die Berge hinauf und hinab geklettert. Es war ein Erlebnis mit besonderem Ausgang.
Wir wollten mitfahren, mal sehen wie weit uns der 328 nach vorn trägt. Keine Hektik, keinen Stress. Der Co ist ein versierter Mann, wer ihn während der Fahrt fotografiert, erwischt ihn meist mit der Nase mitten im Roadbock. In Linkskurven wandert seine rechte Hand fast automatisch nach aussen an die Tür. Das gibt Halt und den braucht man in diesem Klassiker hier und da. Die Enge im Innenraum ist schon bemerkenswert, man rückt zusammen, nur im Bugatti T35 ist es noch kuschliger.
Der BMW 328 Roadster ist ein Gipfelstürmer alter Schule
Der Fahrer hat zu tun. Das recht umfangreiche Volant bedarf einiger kinetischer Energie, vor allem, wenn der BMW im Schritttempo unterwegs ist. Wir merken: Ohne Servounterstützung ist ein Hebel in Form eines großen Lenkrades eine feine Sache. Trotzdem, jede Kehre kommt mit körperlicher Arbeit daher, vor allem wenn vor uns ein Wohnmobil im ersten Gang und mit allergrößter Umsicht wegen Porzellanbruchgefahr einer Weinbergschnecke gleich um die Kurve rennt. Der 328 ist dann nicht wirklich in seinem Element. Er will vorbei und die Freiheit der Berge geniessen. Er will rennen, er will seine 80 PS in Kombination mit rund 800 Kilo Kampfgewicht über den Gipfel tragen und dabei seine wunderbare Melodie des Reihen-Sechszylinders singen. Sauber, harmonisch und bestens gelaunt. Ein Bergsteiger mit leichtem Gepäck, feschen Waderln, blau das Kleid oder besser der Anzug. Der 328 ist ein Kerl mit Charakter.
Drei Tage dauert die Prozession durch das Montafon. Morgens, immer gegen 07:30 trifft man sich zum zweiten Frühstück. Ein Kaffee im stehen, wandern zwischen den Klassikern plus Besatzung. Ferrari, Porsche, Alfa, Bentley mit seinen Giganten, Mercedes ist gut dabei, ein LaSalle aus dem Jahr 1930, Lagonda spielt mit, Riley spielt auch mit und natürlich BMW. Ein 327/28 mit einer Karosserie wie sie eleganter kaum sein kann und dann folgt das Jungvolk. Bis in die frühen Neunziger reicht das Angebot. Unser 328 wird diese Kollegen nur am Morgen und während der Mittagspausen treffen. Startnummer 16, das heisst früh raus, der Morgen gehört uns und die Schlange hinter uns ist länger als der Rosenmontagszug in Düsseldorf. Nur sitzen in den Wagen keine Narren sondern teils hoch motivierte, teils höchst amüsierte Leute, deren Gemütszustand zwischen Austausch der Adressen guter Scheidungsjuristen bis zur vollzogenen Blutsbruderschaft alle Schattierungen annehmen kann aber nicht muß.
Wenn´s am BMW 328 Roadster quietscht, schreien die Bremsen um Nachsicht
Die Silvretta-Hochalpen-Strasse ist auch ohne Auto ein Genuß. Wir haben den dort lebenden Kühen in fast jeder Kehre tief in die Augen geschaut, sie fühlten sich wohl. Ein paar Radfahrer haben intensiv in die Pedale getreten, das Grün der Wiesen hat sich sehr gut mit dem Blau des BMW vertragen und die Fernsicht. Ja, die Fernsicht kann einen umwerfen, wenn man nicht gerade am Volant eines Sportwagens der 30er dreht und nebenher noch vom dritten in den zweiten Gang schaltet. Unser BMW war zwar mit einem vollsynchronisierten Getriebe ausgestattet, aber der Hebel will schon richtig bewegt werden. Reissen oder stoßen geht überhaupt nicht, ein wenig Gefühl und Rhythmus gehört dazu. Der Zweisitzer aus München ist schließlich kein Masochist.
Sechszylinder singt dann sein Lied des besten Motorbaus. Was der Wagen kann, hatte der Rekordfahrer Ernst Jakob Henne 1936 eindrucksvoll belegt. Der Motorrad-Rennfahrer setzte sich in den 328 Prototyp und gewann beim Eifelrennen auf dem Nürburgring die Klasse der Sportwagen bis zwei Liter Hubraum. Das war die Vorstellung des 328 Roadster. Eine Automobilausstellung hätte die Fertigkeiten des 328 noch nicht einmal im Ansatz derart klar unter Beweis stellen können.
Und nun sitzen wir in einem dieser Sportwagen. Eine Kehre nach der anderen wird unter die Räder genommen. Die kurze Gerade davor ist die Startbahn, der Blick des Fahrer wandert zur Seite, kein Gegenverkehr in Sicht, also kurz vorher mit Zwischengas in den zweiten Gang, das Lenkrad wird mit Schmackes gedreht, der Vorderwagen stellt sich in Fahrrichtung und wieder Gas geben. Eine Tür öffnet sich, der Blaue läuft wie ein kleiner Junge den Berg hinauf, bis zur nächsten Kehre, immer in der Hoffnung, dass die Bahn frei ist und ganz oben eine Belohnung wartet. Eine Aussicht, die dir den Atem raubt und die man vielleicht auf einem Foto festhalten, abbilden kann. Aber die Wirklichkeit ist doch anders. Eben atemberaubend.
Im Rückspiegel taucht immer wieder der offene Rolls-Royce Corniche auf. Seine 200 PS treiben ihn hinter uns her. Eine lange Gerade ist dann die Chance zum Überholen, der Rolls-Royce und ein wilder Riley verschwinden aus dem Rückspiegel. Die Differenzen könnten größer nicht sein. Das Corniche Dropehead Coupé schwebt, fast stumm, an uns vorbei, der Riley brüllt und schreit seine Freude über den kurzen Sieg gegen den BMW in die Botanik. Bis dann der der nächste Anstieg folgt und die 60 PS des Briten gegen das hohe Gewicht nicht mehr ankommen. Der BMW punktet und fährt vorbei. Genau jetzt versteht man die Ingenieure von BMW, der 328 war seiner Zeit voraus und drückte der damals noch jungen Firma seine Stempel auf. Leicht, wendig, bestens ausbalanciert und mit einem drehfreudigen, robusten Motor ausgestattet. Damals war das eine Sensation, später die Norm und heute, in der zweiten Turbo-Ära, ist dieser BMW ein Lehrstück für den Sportwagenbau. Wer BMW verstehen und begreifen will, sitzt hier in der ersten Reihe.
Ein BMW 328 Roadster drückt dir seinen Stempel auf
Wieder unten im Tal, Bremsen abgekühlt, ein paar Ortsdurchfahrten, schöne, alte Häuser. Ampel auf rot, ein paar Leute schauen. Jungs zeigen mit dem Finger. Mal Papa fragen, was das denn da für ein Auto ist. Klingt gut. Vom ersten bis zum vierten Gang. Bis 4.000 Umdrehungen sind vertretbar, bei 4.500 wird’s zu heftig. Fast neunzig auf dem Blech, die kleine Lederschlaufe hält den Hebel zum Türöffnen fest, hinter den Sitzen ein wenig Stauraum, das Verdeck ist nur eine Notlösung. Der kühle Regen am Morgen, tiefe Wolken am Berg, all das ist Roadster-Feeling. Hier unten dann 30 Grad, die Sonne schminkt das Gesicht und die Armbeugen. Drei Wochen später ist alles wieder weg. Büro-Blässe juckt nicht, aber die Erinnerung bleibt.
Ein Abschied. Platz 30, eine Überraschung. Der erste Tag endete in den 60ern, der zweite Tag schob uns auf Platz 52 und Vize in der Fahrzeuggruppe. Ein paar Sonderprüfungen waren grottenschlecht. Ein paar andere schon besser. Man lernt den Wagen kennen. Ohne Computer an Bord, ohne Markierungen auf dem Radhaus. Der dritte Tag dann ein Sprung nach vorn, wie die Gerade nach der Kehre. Noch mal Gas geben. 30. Super. Auch weil der Wagen so sauber lief. Das Team von BMW Classic hatte ihn im Griff. Dafür ein herzliches Danke. Der Co, ein junger, erfahrener Hase in diesem Geschäft, hat alles getan. Navigieren, zählen, rechnen, ansagen, Mut machen, leise fluchen, laut loben. Viel mehr kann man an Bord eines 328 im Montafon nicht erwarten.
Text: Ralf Bernert
Fotos: Fabian Kirchbauer für BMW Classic